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Walter Lorenz – Companion and Point of Orientation in Intercultural Social Work

Dimiter Martin Hoffmann

Abstract

First meeting, common interests and ways together

The European Centre for Social Welfare, Training and Research situated in Vienna, was our first meeting place. W. Lorenz was interested in the international comparison of the different concepts and perspectives of social welfare problems in the European countries and the different developments in the training of social professions in Europe.

The challenge of intercultural, antiracist social work in the context of Erasmus-Intensive Seminars

To organize an intensive seminar with the aim to train students and colleagues for intercultural and antiracist competence in social professions, we formed an European network of European universities and schools of s.w. in Vienna (VIENNET), with the support of ECCE (European Centre of Community Education) in Koblenz.

“The group discovered that working on these issues in an international context raises issues of ‘difference’ with renewed acuteness”(cit. W. Lorenz).

We learned to cope with a variety of differences: biographical, language, theoretical and institutional backgrounds and discourse traditions.

A Venue for an Intensive Seminar

In choosing a venue for an Intensive Seminar we were relatively free. We locked for a place, “one dream about”, to support in the best way our seminar aims, to promote a base built on knowledge, skills and values particularly in the area of inner/outer borders, disadvantage, ignorance, minorities, majorities, vulnerable groups, racism and xenophobia. In a small village in Burgenland (Austria), very close to the Hungarian border, we thought to have found it.

Future Prospect

Are we only representatives of our background institutions or did we act and exposed ourselves as persons with a very specific biography and training experience. Can we sustain this created network, as a network of experts and friends in the field of intercultural, antiracist social work? This question is still open.

Erste Begegnungen, gemeinsame Interessen und Wege

Meine erste Begegnung mit Walter Lorenz fand Anfang der 80er Jahre in Wien im „Europäischen Zentrum für Ausbildung und Forschung auf dem Gebiet der Sozialen Wohlfahrt“ statt. Ich war dort, unter der Leitung von Helga Nowotny  [1] , als Forschungsassistent beschäftigt und in einem Team von jungen SozialwissenschafterInnen näherten wir uns den Themen „Lücken in den sozialen Wohlfahrtsdiensten“, „Armut in Österreich und in Europa“ und „Jugendarbeitslosigkeit“.

Wir bemühten uns, die obigen Themen so zu bearbeiten, dass neben einem europäischen Vergleich auch die österreichische Situation datenmäßig erfasst wurde und diese durch Ergebnisse von Aktionsforschungsprojekten, die wir in kleinen Teams durchführten, ergänzt und illustriert wurden. Da wir auch an einer sozialpolitischen Umsetzung der Ergebnisse interessiert waren, konnten wir Gemeinwesenprojekte im Kampf gegen die Armut initiieren und begleiten, ebenso ein Modellprojekt zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit.

Die Verknüpfung mit der Ausbildungssituation von Sozialer Arbeit in Europa war in mehrfacher Weise gegeben. Einerseits hatte das Europäische Zentrum ein europäisches Netzwerk von „Liaison Officials“ aufgebaut, um in den verschiedenen europäischen Ländern ExpertInnen an der Hand zu haben, die über die aktuellen Diskurse zu Wohlfahrtsthemen in ihren Ländern berichten konnten. Zu diesen ExpertInnen zählten immer auch VertreterInnen der Schulen für Sozialarbeit (IASSW)  [2] , wie VertreterInnen von IFSW  [3] und ICSW  [4] . Andererseits waren einige aus unseren Teams in der Ausbildung für Sozialarbeit tätig, wo wir die Ergebnisse unserer Forschungsprojekte einbringen konnten.

Für Walter Lorenz ergaben sich daraus eine Fülle von Anknüpfungspunkten, die durch mehrere Wienaufenthalte ausgebaut wurden. Zu meiner Freude entwickelte sich daraus auch eine Freundschaft, die über das rein Kollegiale hinausging. Unsere Familien lernten sich kennen, es gab eine gemeinsame Reise ins Ungarn vor der Wende, mit Besuchen in Budapest bei Zsuzsa Ferge  [5] und Gabor Hegyesi und immer einen regen Gedankenaustausch.

Ich erwähne das jetzt schon an dieser Stelle, da es für unsere weitere Zusammenarbeit im Erasmuskontext so wichtig war, auf einer sehr persönlichen Vertrauensbasis diese europäische Kooperation aufbauen zu können, was oft von Brüssel, aber auch von den nationalen Koordinationsstellen nicht richtig eingeschätzt und gewürdigt wurde.

Eine wichtige weitere Verbindung stellte ECCE  [6] dar, dessen damaligen Präsidenten, Friedrich W. Seibel ich schon früher in Wien Ende der 70er Jahre kennen lernte, als er zusammen mit Ingrid Frassine an einer Vergleichsstudie über die europäischen Ausbildungssysteme in der Sozialen Wohlfahrt arbeitete.

Der Kontakt zu Walter Lorenz war immer wieder unterbrochen und doch ein immer wiederkehrender. Vor allem bei den Weltkongressen von IASSW, IFSW und ICSW traf man sich und konnte sich so auf dem Laufenden halten. Intensiver und kontinuierlicher sollte er erst werden, als ich von der Forschung weg ganz in die Ausbildung von Sozialarbeit wechselte.

Die Herausforderung der interkulturellen, antirassistischen Sozialen Arbeit im Kontext von Erasmus-Intensivseminaren

Als ich Ende 1988 Direktor der Bundesakademie für Sozialarbeit in Wien wurde, lud Walter Lorenz mich und unsere Schule zu einer Mitarbeit bei ECCE im Rahmen von Erasmuskooperationen ein, nur wir waren noch nicht soweit in Österreich, die zukünftige EU Mitgliedschaft keineswegs selbstverständlich.

Erst 1992 wurde es den österreichischen Akademien für Sozialarbeit  [7] , wie auch den Pädagogischen Akademien ermöglicht, am Erasmusprogramm  [8] teilzunehmen, gleichsam als Vorleistung für den EU Beitrittskandidaten Österreich. Wir streckten also unsere Fühler aus nach möglichen Hochschulkooperations-Partnern in Europa und da kam uns ECCE, allen voran Friedrich W. Seibel und Walter Lorenz sehr entgegen. Wir konnten aus dem bestehenden Erasmus-Netzwerk Partner für unsere Kooperationspläne ansprechen und damit auch gleich im ersten Jahr ein Intensivseminar  [9] und kurz danach eine Curriculum Entwicklung zum Thema interkulturelle, antirassistische Soziale Arbeit erfolgreich einreichen und durchführen.

Die ursprüngliche Idee war, durch eine parallele Entwicklung von Curriculum Elementen für die Ausbildung einer interkulturellen Kompetenz in sozialen Berufen und ihre Erprobung in europäischen Intensivseminaren zur interkulturellen und antirassistischen Sozialen Arbeit Theorie und Praxis des Hochschulunterrichts in einer Art „Laborsituation“ zu verbinden.

Nach einem ersten „Pilot-Intensivseminar“ 1992 im Burgenland, das sehr viel versprechend verlief, trafen sich 1993 eine Untergruppe  [10] (Project Planning Group) des späteren VIENNET in Eindhoven, um „core elements“ eines beabsichtigten europäischen Curriculums für interkulturelle und antirassistische Soziale Arbeit zu entwickeln. Im Juli 1994 entstand das so genannte „Einhoven-Paper“ (Lorenz in Hoffmann u. a. 2001, SS 23 ff) das zur gleichsam philosophischen Grundlage des VIENNET (Vienna Network for Erasmuscooperation) werden sollte.

Walter Lorenz war in doppelter Weise federführend in dieser Projektgruppe: er war Protokollant unseres Diskussionsprozesses und gleichzeitig Moderator und Gestalter des Ergebnisses unserer hitzigen Debatten. Wir erkannten bald, dass das das jeweilige Konzept über interkulturelle und antirassistische Soziale Arbeit, das die einzelnen Teilnehmer in die Planungsgruppe „mitbrachten“ nur zu verstehen war, wenn wir auch den jeweiligen nationalen und institutionellen Hintergrund einbeziehen und verdeutlichen konnten.

Walter Lorenz drückte das folgendermaßen aus:

“the group discovered that working on this issues in an international context raises issues of ‘difference’ with renewed acuteness.”(a.a.O. S. 23)

Wir hatten also unsere unterschiedliche Herkunft und unsere wissenschaftliche Identität zunächst einmal klar zu markieren, herauszuarbeiten und diese Differenz produktiv in den Diskussionsprozess einzubringen. (Eine Ausgangslage und Initiierung eines Diskursprozesses, der anschließend auch für unsere Intensivseminare gelten sollte und zwar sowohl für die Studierenden wie für die DozentInnen.)

Walter Lorenz selbst hatte dabei mehrere Hintergründe aufzuzeigen, von Deutschland kommend, hatte er dann in England die Sozialarbeiterausbildung absolviert und danach in Cork/Irland am University College im „Department of Applied Social Studies“ als Dozent mit Schwerpunkt europäische und internationale Soziale Arbeit unterrichtet. An seinem Beispiel entdeckten wir, dass auch unser Hintergrund nicht so homogen darstellbar war, wie es anfangs erschien.

Es kam damals schon die Idee auf, dass die Beschäftigung mit interkultureller und antirassistischer Sozialer Arbeit vielleicht doch auch mit der eigenen multikulturellen Identität bzw. mit der Migrationsgeschichte der eigenen Familie zu tun hat. Monique Eckmann  [11] , die etwas später zu unserer VIENNET Gruppe dazu kam, hat in ihrem Beitrag ( „Grenzen herausfordern: wie habe ich das … erlebt“, S.239 ff) zum Band „Grenzen – Borders“ (Hoffmann u.a. 2001) es sehr treffend ausgedrückt: „ …(die Mitarbeit im VIENNET)…hat mich dazu gezwungen, mit meinen Identitäten als kulturelle Codes bewusst umzugehen und mich…zu positionieren: als Frau, als Weiße, als Jüdin, als Dozentin- d.h. als Angehörige der gut ausgebildeten Mittelschicht – und als Schweizerin, die im französischen Sprachbereich arbeitet“. Sie war es auch, die die unterschiedlichen theoretischen und methodischen Zugänge zur Thematik, die in der DozentInnengruppe verwendet wurden, in eine Systematik brachte, die uns die Bearbeitung unserer Differenz leichter machte (vgl. a.a.O., Identität und Vielfalt als Lernthema in Sozialen Berufen, S.159 ff).

Unsere Differenzen bestanden, neben der unterschiedlichen nationalen und institutionellen Herkunft in einer Genderdifferenz, in der Zugehörigkeit zu einer nationalen Mehrheit oder Minderheit, in den dominant verwendeten oder selten verwendeten Sprachen und in den unterschiedlichen Traditionen an wissenschaftlichen und politischen Diskursen zur Thematik des Rassismus und der kulturellen Differenz. Das Gemeinsame, das uns als Dozentengruppe zusammenhielt, war einerseits eine auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt aufbauende Beziehung, andrerseits die für alle Beteiligten erkennbare Bereitschaft, sich der Herausforderung zu stellen, mit dem Thema Rassismus und Soziale Arbeit auf eine neue, offene und sehr persönliche Art in der Gruppe umzugehen. In den Vorbereitungstreffen zu den 10-tägigen Intensivseminaren konnten wir beides erfahren, die Differenz und das Gemeinsame und wir konnten auch erproben, was uns davon besonders wichtig war, in den Intensivseminaren an die Studierenden weiter zu geben.

Walter Lorenz hat immer wieder Übersetzungsarbeit geleistet, im engeren, technischen Sinn, wenn wir an der Fremdsprache ermüdeten und im weiteren Sinn, wenn er, als „Wandler zwischen den europäischen Welten“, Kulturen und Traditionen übersetzte und damit eher verstehbar machte.

Er war auch Mediator in unterschiedlichen „Streitlagen“, die letztlich fast am meisten Erkenntnisgewinn brachten und die Sicherheit gaben, dass wir am richtigen Weg waren, wenn wir die heftigen Dispute produktiv nutzen konnten. So gab es etwa Streit zwischen der Position von Joe Joseph (De Montfort University, Leicester, UK), der sich der black community in Leicester zugehörig fühlt und aus einer männlichen Perspektive die Position der anti-racist und anti-oppressive Sozialen Arbeit vertritt und der Position von Anastasia Crickley (Maynooth University, Maynooth, IR), die aus feministischer Sicht und als Sprecherin der Travellers in Irland einen anderen Anspruch ableitet, eine anti-racist Strategie erfolgreich voran zu treiben. Ein weiterer Streitpunkt ergab sich aus einer potentiellen Konkurrenz der Opfer des Rassismus, zwischen den „black and coloured people“ einerseits und den Juden und Roma andererseits.

Damit im Zusammenhang ergaben sich auch heftige Dispute, ob nun die Position der „interkulturellen Sozialen Arbeit“, die eine Änderung der Mentalität und Haltung der europäischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber Minderheiten in den Mittelpunkt ihrer Strategie stellt, zu rechtfertigen ist gegenüber der Forderung der „black anti-racist practice“, die zunächst einmal und vor allem aderen die Anerkennung der gleichen Menschen- und Bürgerrechte für Minderheiten und eine Sanktion bei Verletzungen dieser Rechte verlangt. Trotz der Übersetzungsarbeit (zwischen der Notwendigkeit der Aufarbeitung des Antisemitismus in Mitteleuropa und der Notwendigkeit der Aufarbeitung des anglo-amerikanischen und kolonialen Rassismus gegenüber „Schwarzen“) von Walter Lorenz, konnten die divergierenden Positionen und Strategien nicht völlig harmonisiert werden, was auch nicht unser Ziel war, aber wir konnten diese Spannungen aushalten, sie begründen und auch unseren Studierenden bei den nachfolgenden Seminaren zumuten.

Der besondere Ort des Intensivseminars (A Venue for an Intensive Seminar)

Birgitta Bruks  [12] , ein Mitglied des Kernteams des VIENNET, die aus dem KollegInnen- und Freundeskreis von ECCE zu uns stieß, verglich die Auswahl der Austragungsorte für ein Intensivseminar mit der Suche nach dem Traumort. Die Suche nach dem Traumort, dem Traumland, dem Schlaraffenland hing in unserem Fall mit der Suche nach einem Ort zusammen, der für unser Experiment der „herrschaftsfreien“ Begegnung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen unter den Rahmenbedingungen eines intensiven Zusammenseins mindestens zwei Bedingungen erfüllen sollte: er sollte einerseits Geborgenheit vermitteln und dem Gruppenprozess damit entsprechenden Rückhalt bieten und er sollte andererseits durch sein Umfeld ermöglichen, die Lebenswelt von Minderheiten und Mehrsprachigkeit beobachten zu können.

„Im Schwedischen gibt es ein Wort für eine Lieblingsbeschäftigung vieler Menschen, Smultronställe, …das Traumland eines jeden Menschen…Es ist nicht einfach zu erklären, wie man jenen Ort finden und festhalten kann, da es keinen objektiven Weg dahin oder eine genaue Definition darüber gibt – diese Traumorte sind subjektive Erfindungen“(Bruks 2002, S. 193).

Ich denke, dass mit dem ersten Austragungsort für unsere insgesamt 10 Intensivseminare, Neumarkt/a.Raab im südlichen Burgenland/Österreich, so ein „Traumort“ für viele von uns gefunden wurde. Wir hatten das Privileg, an einem „Kunstort“, - einem aus alten burgenländischen, bäuerlichen Häusern rekonstruierten Künstlerdorf und Freillichtmuseum - ein Labor für interkulturelle Begegnung zwischen Studierenden und Dozenten aus 10 verschiedenen europäischen Hochschulen durchführen zu können. Die Erasmusgelder aus Brüssel waren also so etwas wie der Schlüssel zum Traumort. Dieser Traumort, Neumarkt a. Raab im südlichen Burgenland, liegt unmittelbar an der Grenze zu Ungarn und die Grenze zu Slowenien ist ebenfalls nahe. Für Walter Lorenz und für Birgitta Bruks machte diese Nähe zu Ungarn den besonderen Reiz des Tagungsortes aus, und für Peter Gstettner  [13] von der Universität Klagenfurt, ebenso wie für Elisabeth Furch  [14] von der Pädagogischen Akademie in Wien, waren die mehrsprachigen Schulen im Umfeld von Neumarkt die Attraktivität, um hier nur einzelne Beispiele für das Besondere des Ortes anzuführen.

Für die StudentInnen, besonders aus Inselländern, wie England und Irland, aber auch aus skandinavischen Ländern, war es eine Entdeckung, dass ein Land wie Österreich mit 8 anderen Nationen Grenzen hatte und die äußeren und die inneren Grenzen in der Sozialen Arbeit waren ja das Thema des Seminars, ebenso wie der Umgang der Mehrheitsbevölkerung mit den verschiedenen ethnischen und kulturellen Minderheiten. Die Vielfalt an Minderheiten, an Sprachen und unterschiedlichen Siedlungsräumen, die wechselhafte Zugehörigkeit des Burgenlands zu Ungarn und Österreich und die belastete Geschichte dieses Raumes durch die massenhafte Vertreibung und Ermordung der jüdischen und Roma Bevölkerung, all dies war für die Studierenden zuviel, um sich in 10 Tagen ein genaueres Bild über die derzeitige Lebenssituation von Minderheiten im Burgenland und das Leben an der Grenze zu machen. Dennoch, es kam so etwas wie eine Ahnung darüber auf, was es bedeuten kann, hier zu leben und gleichzeitig wurde uns im DozentInnen Team klar, dass zur Verringerung der Verunsicherung eine Übersetzungsarbeit nötig war. Die Verunsicherung betraf auch das Dozententeam und da half uns wieder Walter Lorenz mit seinem ruhigen Überblick und seiner Sprachkompetenz.

Die Studierenden waren in national gemischten Gruppen auf die einzelnen kleinen Atelierhäuser aufgeteilt und auch für uns als DozentInnen Gruppe bot sich die Gelegenheit in einem eigenen kleinen Haus zu schlafen, ein gemeinsames Frühstück vorzubereiten und uns dorthin zurück zu ziehen und unsere Teamreflexion abzuhalten. Hier entwickelten wir auch, auf den Erfahrungen der ersten Intensivseminare aufbauend, die spezifische Methodik des VIENNET, die hier nicht im Detail dargestellt werden kann (vgl. dazu: Hoffman et al. 2002).

Was mir bei der so entwickelten Methodik besonders wichtig war, ist das Verwenden der Gegenübertragung in der Teamreflexion über die Dynamik in der Studierenden-Gruppe, die primär themenzentriert angeleitet wurde, ganz im Sinne von Ruth Cohn (TZI: Themenzentrierte Interaktion, 1973). Bei einem emotional so aufgeladenen Thema wie Antirassismus, bei der interkulturellen Begegnung von Menschen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen mit dem Thema Diskriminierung und Gleichbehandlung, war es eine wesentliche Aufgabe der DozentInnen darauf zu achten - eine hohe Aufmerksamkeit dafür zu entwickeln -, inwieweit die intellektuelle und insbesondere die emotionale Verarbeitungsmöglichkeit des Seminarverlauf und seiner Inhalte bei den Studierenden gegeben war. Die Kontrolle der Gegenübertragung im Team und durch das Team bestand darin, dass wir uns Beobachtungen über die Gruppendynamik und über einzelne, eventuell gefährdete Studierende mitteilten und parallel dazu die Beobachtung unserer eigenen, emotionalen Reaktion auf das Geschehen bzw. auf einzelne Studierende oder auch gegenüber DozentInnen einbrachten (vgl. dazu den Ansatz der Ethnopsychoanalyse, insbesondere: F. Morgenthaler et al. 1984). Nach einem solchen Austausch konnten wir besser abschätzen, welche neuen Inhalte noch Platz hatten bzw. welche Themenstellungen noch weiter durch zu arbeiten wären. Es ist ein experimenteller Ansatz, der offen lässt, wieweit die Gruppe in der Erarbeitung der Themenstellung kommen wird und der großen Wert darauf legt, das Beobachtete und Erfahrene durch angeleitete Reflexion für die Studierenden integrierbar zu machen.

Ich war dem DozentInnen Team dankbar dafür, dass sie sich auf solch ein Experiment einließen, das dann im methodischen Ansatz gemeinsam weiterentwickelt und ausdifferenziert wurde. Es gab natürlich auch Kritik an diesem Ansatz. Es wurde uns ein naiver, emotional getragener Anti-Rassismus unterstellt, der die bestehenden theoretischen Positionen dazu nicht aufarbeitet bzw. den Studierenden davon zu wenig anbietet. Der Rückzug des Dozententeams zur systematischen Reflexion des Gruppengeschehens wurde als Distanzierung von den Studierenden betrachtet und damit abgewertet.

Die Evaluierungen am Ende der Intensivseminare und auch externe Evaluierungen im Nachhinein bestärkten uns aber darin, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und experimentelles Lernen im Training für eine antirassistische und interkulturelle Kompetenz in Sozialen Berufen weiter einzusetzen und auszubauen. Walter Lorenz konnte uns dabei im richtigen Moment den Rücken stärken und uns ermutigen, diesen Ansatz weiter zu entwickeln, wenn er auch nicht bei jedem der 10 Intensivseminare im Team dabei sein konnte.

Die Qualität eines Traumortes hatte das ausgewählte Künstlerdorf dann, wenn wir die Freude und das Lebendigsein der Studierenden in der interkulturellen Begegnung untereinander und in der Erarbeitung der schwierigen Themen mit ihnen teilen konnten, aber auch, wenn wir im DozentInnenteam im Kennenlernen untereinander weiterkamen, die persönlichen Positionen und ihre Begründung zunehmend verstanden und uns wünschten, einfach für diesen wichtigen internen Prozess mehr Zeit zu haben. Das Verlassen dieser geschützten Atmosphäre bereitete unseren Studierenden immer wieder Schwierigkeiten. Je mehr Schutz das „Labor“ des Seminarortes bot, umso härter fiel der Realitätsschock aus, sei es bei der kurz angesetzen Feldbeobachtung, sei es bei der Rückkehr ins gewohnte Umfeld, ein kleiner Kulturschock also.

Als 3 Jahre nach unserem ersten Intensivseminar 1995 vier Roma durch eine Rohrbombe eines rechtsradikalen Rassisten in Oberwart im mittleren Burgenland ermordet wurden, wurde uns dramatisch vor Augen geführt, dass es für Minderheiten keine länger währenden Schutzräume vor rassistischer Aggression gibt und dass unser Traumort eine „subjektive Erfindung“ war.

Ausblick

Wir hätten als DozentInnen-Team viel mehr Zeit für uns selbst gebraucht und haben sie uns nicht für uns organisiert und einfach genommen. Das wäre so auch nicht von Erasmus finanziert worden und hätte die Eifersucht der „daheim“ gebliebenen Kollegenschaft noch mehr entfacht, als sie ohnehin schon bestand. Dennoch, vielleicht eine vertane Chance, vielleicht eine Utopie, die wir zwar angedacht hatten, die aber damals unerreichbar erschien. Ein 10 tägiges Intensivseminar, zunächst ohne StudentInnen, danach als zweiten Durchgang mit ihnen, undenkbar und skurril?

Um die Produktivität eines solchen DozentInnen-Intensivseminars wäre mir nicht bang gewesen. Wir hatten jede Menge „Werg am Rokken“  [15] , das es auszuspinnen galt. Auf der Grundlage eines durch Zusammenarbeit gewachsenen Vertrauens lassen sich so kontroversielle Themen wie Rassismus und interkulturelle Konflikte besser und produktiver bearbeiten, als in abstrakteren Formen von wissenschaftlicher Vernetzung.

Wir stellten uns im VIENNET immer wieder die Frage, inwieweit wir dort unsere Institution, die uns entsendet hat, repräsentieren müssen und inwieweit wir dort ganz individuell und subjektiv als Einzelpersonen mit unserer spezifischen persönlichen und wissenschaftlichen Biographie auftreten können. Je länger unsere Zusammenarbeit dauerte, umso mehr trat zweiteres in den Vordergrund.

Langsam aber sicher tritt unser Kreis in ein Alter ein, wo die Bedeutung der „entsendenden“ Institution in den Hintergrund tritt bzw. durch Pensionierung obsolet wird. Wer sind wir dann „ohne Institution“? Was kann noch organisiert werden, wenn dafür kein Geld zu holen ist? Sind Utopien und „Traumorte“ das Vorrecht der Jugend oder immer neu für jeden Lebensabschnitt zu entwerfen und auf zu finden?

Mein erster Versuch schlug fehl, zu einer Zukunftswerkstatt  [16] auf eine dalmatinische Insel einzuladen. Mir war selbst nicht ganz klar, wo wir als ursprüngliche, von Erasmus finanzierte Gruppe heute stehen.

Mein Wunsch, anlässlich des runden Geburtstags von Walter Lorenz ist es, dass es uns doch noch gelingt, die noch nicht „geborgenen Schätze“ unserer Zusammenarbeit und freundschaftlichen Beziehungen ans Licht zu bringen. Sei es in Form einer Schreibwerkstatt, wie es Birgitta Bruks auf der besagten Insel bei einer sehr kleinen Zukunfts-vor-werkstatt formulierte, sei es in einem Netzwerk von Expertise oder einfach durch Ideenaustausch, in welcher Form auch immer. Walter Lorenz ging es in unseren Treffen immer wieder um den Erwerb kollektiver interkultureller Kompetenzen, die zu entwickeln und zu fördern wären. Ich wünsche ihm und uns als Gruppe viel Intuition, Mut und Neugier, an diesem Projekt festzuhalten und vielleicht in kleinen Schritten umzusetzen.



[1] Dr. Helga Nowotny, Direktorin des Europäischen Zentrums für Ausbildung und Forschung auf dem Gebiet der Sozialen Wohlfahrt von 1974-1988, in Wien 9., Berggasse 17

[2] IASSW: International Associaton of Schools of Social Work

[3] IFSW: Internatonal Federation of Social Workers

[4] ICSW: International Council for Social Welfare

[5] Zsuzsa Ferge, Prof. für Soziologie an der Universität Budapest und ihr damaliger Assistent Gabor Hegyesi waren beide maßgeblich am Neubeginn der Sozialarbeit-Ausbildung in Ungarn beteiligt.

[6] ECCE: “European Centre for Community Education” mit Sitz in Koblenz /D

[7] Akademien für Sozialarbeit wurden Anfang 2000 und in den folgenden Jahren in FHS für Sozialarbeit umgewandelt.

[8] Erasmusprogramm: Hochschulkooperationsprogramm der EU

[9] Intensivseminar oder „Intensivprogram“: mind. 10 tägiges Seminar zu einem best. europ.Thema, mit Teilnahme von mind. 5 Partnerländer, StudentInnen und DozentInnen.

[10] Teilnehmer der Untergruppe: P.Gstettner (Klagenfurt), D.M.Hoffmann (Wien), E.Hofmann (Eindhoven), Joe Joseph (Leicester), Walter Lorenz (Cork).

[11] Monique Eckmann forscht und unterrichtet am „Institut d`Etudes Sociales“-Geneve

[12] Birgitta Bruks, „Mid Sweden University“, Oestersund.

[13] Peter Gstettner, Prof. für Pädagogik, Schwerpunkt interkulturelle Pädagogik, Universität Klagenfurt.

[14] Elisabeth Furch, Dozentin an der Pädagogischen Akademie Wien, Schwerpunkt.interkult.Pädagogik

[15] Zitat aus der Bauernkantate von J. S .Bach

[16] Zukunftwerkstatt, eine Form des angeleiteten Gruppen-brainstormings für Planungszwecke, in die Humanwissenschaften eingebracht von Robert Jungk.

Literatur:

Bruks, B. 2002: A Venue for an Intensive Seminar, in: Hoffmann, D.M., Furch, E. und Stefanov, H. (Hrsg): Grenz-Begegnungen. Wien: Verlag Lernen mit Pfiff.

Cohn, R. 1973: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Klett Verlag

Eckmann, M. 2001: Grenzen herausfordern: wie habe ich das (persönlich) erlebt?, in: Hoffmann, D.M., Furch, E. und Winge, M. (Hrsg.): Grenzen – Borders, Kontakt und Konflikt in der Kulturbegegnung. St. Pölten: SozAKTIV/REMAprint.

Furch, E. 2001: Der integrative Ansatz, in: Hoffmann, D.M., Furch, E. und Winge, M. (Hrsg.): Grenzen – Borders, Kontakt und Konflikt in der Kulturbegegnung. St. Pölten: SozAKTIV/REMAprint.

Gstettner, P. 2002: Interkulturelle Feldforschung, Methodologische Grundlegung für eine reflektierte Praxis, in: Hoffmann, D.M., Furch, E. und Stefanov, H. (Hrsg): Grenz-Begegnungen. Wien: Verlag Lernen mit Pfiff.

Hoffmann, D.M., Furch, E. und Winge, M. (Hrsg.) 2001: Grenzen – Borders, Kontakt und Konflikt in der Kulturbegegnung. Training for Intercultural and Antiracist Competence in Social Professions. St.Pölten: SozAKTIV.

Hoffmann, D.M., Furch, E. und Stefanov, H. (Hrsg.) 2002: Grenz-Begegnungen – Border-Encounters. Handbuch zur Methodik und Organisation von Intensivprogrammen der europäischen Hochschulkooperation. Wien: Lernen mit Pfiff.

Lorenz, W. 2001: The „Eindhoven Paper“, Historical reflections on the struggle between universality and culture-specifity in VIENNET, in: Hoffmann, D.M., Furch, E. und Winge, M. (Hrsg.): Grenzen – Borders, Kontakt und Konflikt in der Kulturbegegnung. St. Pölten: SozAKTIV/REMAprint.

Morgenthaler, F., Weiss, F., und Morgenthaler, M. 1984: Gespräche am sterbenden Fluss. Frankfurt: Fischer.

Notes on Author

Dr. Dimiter Martin Hoffmann has studied Law, Ethnology and Sociology in Vienna, Austria.

1974-1988 he has worked as Research Assistant at the “European Centre for Social Welfare Policy and Research” in Vienna. He is a professionally qualified Psychotherapist and has a practice of many years.

1988-2003 he has acted as Director of the “Federal Academy of Social Work” in Vienna und has lectured at the University of Klagenfurt, Austria.

At the end of 2003 he has taken early retirement, but he is still working as a freelance Psychotherapist and involved in Adult Education.

Author´s Address:
Dr Dimiter Martin Hoffmann
Email: m.hoffmann@kabsi.at

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